Der Titel des Kriminalromans Quartett nimmt nicht nur Bezug auf den 4. Commissario-Di Bernardo-Band: Unter den unzähligen Kammermusikwerken, von Trios über Quintette bis zu Oktetten, die ich in meiner Karriere als Violinistin im Repertoire habe, gibt es erstaunlicherweise kaum Streichquartette.
Warum also nicht literarisch probieren?
Leichter gesagt als getan; die Ideen kamen träge, die Geschichte wollte nicht »abheben«. Bis ich im Sommer 2025 eine Konzerteinladung aus der Nähe von Lecce, der Heimat von Commissario Di Bernardo, bekam. Das Programm: Klarinetten-Quintette von Mozart KV 581 und Brahms Op. 115. Und ausgerechnet dieses Programm erwies sich als ein Glück für den zukünftigen Krimi. Zwar war es kein Quartett, sondern ein Quintett, aber gleich bei der ersten Probe mit den vier Musikern wurden neue Ideen freigesetzt.
In gewisser Weise war es sogar besser, zu fünft zu sein. Spontan hörte ich Commissario Di Bernardo sagen: »Vier Musiker, ein Toter – ein Quartett. Es war einer zu viel.« Zu viel – und am Ende doch richtig. Denn sehr bald spürte ich, dass unter den zahlreichen Quartetten, die in diesem Roman vorkommen, das geniale Quintett von Brahms die musikalisch entscheidende Rolle übernehmen würde. Und warum sollte nicht ein Klarinettist hin und wieder mitmischen dürfen? Man muss der Kammermusik-Besetzung ja auch mal gönnen, über sich hinauszuwachsen.
Als Geigerin, die buchstäblich in die Musikwelt hineingeboren wurde, kann ich gut nachfühlen, wie eng die emotionellen Bande eines Quartetts sein können. Was mir für das fiktive Arcimboldo-Quartett im Krimi vorschwebte, war jedoch: »Vereint in der Musik, zerrissen im Leben.«
Und es sollte ein Mord passieren.
Ab dann ging es schnell. Die Figuren entstanden eine nach der anderen in der Natur: in einem weltvergessenen Wald zu Hause im Tessin sowie in einem Park in München. Und ständig war der Gedanke an den eisernen Zusammenhalt des Quartetts präsent – trotz, oder gerade wegen der erschütternden Vergangenheit und deren unauslöschlichen Spuren.
Mich mit Quartetten auseinanderzusetzen, ohne sie gespielt zu haben, war eine spannende Erfahrung. Das Repertoire des »Arcimboldo« vergrößerte sich rapide: zu Mozart und Brahms kamen Verdi, Beethoven, Schubert, Barber und Dvo?ák dazu. Dabei konnte ich nicht widerstehen, Lorenzo Verro, den Primarius des »Arcimboldo«-Quartetts, auch Solowerke spielen zu lassen. Das Programm »Vive L’Espagne« mit De Falla, Sarasate, Granados, Albéniz und Viardot, das Verro auf CD aufnimmt, war mein Lieblingsrepertoire der vergangenen Konzertsaison.
Als Musikerin habe ich die schönsten Zaubermomente dank der Musik von Johannes Brahms erlebt. Die Magie seiner Werke begleitet mich seit früher Kindheit: Mit fünf Jahren hörte ich meinen Eltern bei den Proben der Sonaten für Violine und Klavier zu, später bewunderte ich seine Symphonien und spielte leidenschaftlich gern seine Trios, das Klavier-Quintett, das Violinkonzert sowie das Doppelkonzert mit Cello.
Meine Erfahrung mit Brahms’ Klarinetten-Quintett Op. 115 war sehr berührend. Gleich bei der ersten Probe »sprach« plötzlich ein anderer Brahms zu mir, nicht der, den ich ein Leben lang kannte und liebte. Anders als sonst spürte ich die gebrochene Wärme und gedämpfte Leidenschaft in der Musik. Die verschatteten Mittelstimmen, die dichte Harmonik … Es war überraschend und ein wenig verwirrend. Wohl auch deshalb, weil wir als Quintett noch nie zusammengespielt haben und gleich mit einem solchen Werk anfangen mussten. Was uns am meisten bewegte, war der 4. Satz: Thema mit Variationen, das sich intensiv zu einer Steigerung entfaltet, bevor es am Ende resignativ und leise verklingt. Dank der Melancholie und innerer Ruhe wird das Quintett tatsächlich oft als »Abschiedswerk« gedeutet. Als würde Brahms hier über den Rand dieser Welt hinausschreiten, in den größeren Kosmos dahinter.
Die Stimme der zweiten Geige zu übernehmen, erwies sich als besonderes Geschenk: Ich konnte noch tiefer in den Klangraum eintauchen, immer wieder im Dialog mit Bratsche und Cello, auf der Entdeckung neuer Facetten dieser überirdisch schönen Musik.
Das spätromantische Klarinetten-Quintett (Kompositionsjahr 1891) ist eng mit Brahms’ Biografie verbunden. Eigentlich hatte Brahms im Jahr 1890 beschlossen, sich vom Komponieren zurückzuziehen, da er sein Schaffen für abgeschlossen hielt. Doch wie es im Leben so oft passiert, wurden seine Pläne durch eine Begegnung durcheinandergebracht: die mit dem Klarinettisten der Meininger Hofkapelle, Richard Mühlfeld (1856–1907). Brahms war dermaßen von dessen warmem und ausdrucksstarkem Spiel fasziniert, dass er seine Entscheidung vom Rücktritt revidiert hat. Stattdessen hat er das Klarinetten- Quintett Op. 115 komponiert, das er Mühlfeld gewidmet hat. Danach folgten noch mehrere andere Werke.
Die Uraufführung des Quintetts hat 1891 stattgefunden, mit »Joseph Joachim Quartett« und Mühlfeld als Solo-Klarinettist. Wenn Zeitreisen möglich wären, würde ich mir wünschen, zu diesem Konzert gebeamt zu werden!
Es wird euch, liebe Leserinnen und Leser, nicht überraschen, dass Dionisio, Alberto, Roberto, Federica, Anna und das ganze Questura-Team beim 4. Fall für mich inzwischen wie gute Freunde sind. Und obwohl das Team – mit Ausnahme des Rechtsmediziners – seit dem 1. Fall praktisch unverändert blieb, ist in diesem Buch eine neue Person entstanden. Die junge Giulia Casavola hat die Herzen des Di-Bernardo-Teams, am Ende auch Del Pinos, erobert. So wie Di Bernardo selbst, stammt sie aus Apulien und hat eine dramatische Vergangenheit. Ich hoffe sehr, dass sie in Rom endlich ihr Glück finden wird.
Am Ende finden in dieser Geschichte Krimi und Musik zueinander. Wie in einem Quartett oder Quintett werden die Stimmen enthüllt und verhüllt, gespannt und gelöst, miteinander verflochten – und erst in ihrem Zusammenspiel wird die Wahrheit hörbar.